M54 Schulter Nacken Syndrom

Faszien – ein körperweites Stütznetzwerk

Geschrieben von medinout Redaktion - LEXIKON am 25.02.2016
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Bindegewebsstruktur mit vielen Funktionen

Faszien galten jahrzehntelang als eher passive Muskelummantelungen ohne große Bedeutung. Doch inzwischen zeigen Forscher, dass das stützende Bindegewebe eine wichtige Rolle spielt – bei der Bewegung und bei der Entstehung von Schmerzen.

 

Was sind Faszien?

Unter Faszien versteht man das Bindegewebe, das den Körper wie ein Netz durchzieht und umhüllt. Die weiße Schicht ummantelt Muskeln, Organe und Blutgefäße und trennt einzelne Körperabschnitte voneinander. Da die Faszien untereinander verbunden sind, wird das Bindegewebe inzwischen als eigenes Organ angesehen.

Neuere Forschungsergebnisse zeigen, dass Faszien Sinneszellen enthalten, die auf Stressstoffe reagieren, sich unabhängig von der Muskulatur zusammenziehen können und das Immunsystem beeinflussen, weil sie sogar eigene nervenreizende Reizstoffe aussenden. Daher können zahlreiche Beschwerden wie Rückenschmerzen, Gelenkprobleme oder Muskelsteifheit mit ihnen zusammenhängen.

Anatomische Unterscheidungen im Bindegewebe

Die oberflächliche Faszien liegen direkt unter der Haut und Unterhaut. Sie sind hochviskoelastisch, also sehr dehnfähig. Außerdem haben sie die Fähigkeit, Körperfett anzureichern, zum Beispiel bei Gewichtszunahme oder einer in der Schwangerschaft.

Die tiefe Faszien liegen unter einer weiteren Fettschicht.
Im Gegensatz zu oberflächlichen Faszien sind sie weniger dehnbar und geringer durchblutet, jedoch stark von Nerven durchzogen und so beteiligt an der Weiterleitung von Schmerzen. Eine weitere, grundlegend wichtige Eigenschaft der tiefen Faszien sind ihr Anteil an speziellen Bindegewebszellen namens Myofibroblasten. Diese sind Muskelzellen der glatten Muskulatur ähnlich, produzieren Kollagen  und sind dadurch in der Lage, mit Kontraktion und Entspannung auf mechanische oder chemische Reize (zum Beispiel Stressstoffe wie Adrenalin) zu reagieren. Die eingeschränkte Dehnfähigkeit der tiefen Faszien hängt wahrscheinlich von der Dichte der Myofibroblasten und dem Kollagen ab. Dies kann sich auch in Krankheitsbildern wiederspiegeln z.B. beim Dupuytren-Syndrom (Morbus Dupuytren) einer  “gutartige” Bindegewebserkrankung der Hand in Form einer Schrumpfung, Verdickung und Versteifung der Fingerbeugesehnen und Gelenke.

Die Organfaszien umhüllen alle Organe. Sie sind wenig dehnfähig und geben den Organen Halt, Stütze und Stabilität in ihrer Oberflächenspannung und Position. Bei einer zu lockeren Spannung der Organfaszie, kann dies zum Absinken eines Organs führen, auch konnte eine vermehrte Neigung der Zystenbildung an Organen beobachtet werden. Im Falle einer zu hohen Spannung der Organfaszien, sind Organe in ihrer notwendigen Gleitfähigkeit und Beweglichkeit beeinträchtigt.

 

Wie sind Faszien aufgebaut?

Faszien sind oft weniger als einen Millimeter dick. Sie bestehen im Wesentlichen aus netzartig verwobenen Fasern aus Kollagen und Elastin. Kollagene sind relativ stabile Fasern, die das Gerüst für die Faszien liefern und es in Form halten. Elastin dagegen lässt sich dehnen und zieht sich wieder zusammen. Je nach Funktion ist zwischen den Fasern unterschiedlich viel Wasser eingelagert, in dem sich Nervenendigungen und Immunzellen befinden.

Lockere Faszien können relativ viel Wasser speichern. Ein weites Netz polstert beispielsweise im Bauch den Raum rund um die Organe oder beinhaltet unter der Haut viele Blutgefäße, Sensoren und Drüsen. Es enthält viele Immunzellen und trägt außerdem zur Versorgung der inneren Organe bei.

Wenn sich die Muskeln bewegen, werden die Faszien rundherum gedehnt oder gestaucht. So wird Flüssigkeit aus dem Bindegewebe herausgepresst und beim Entspannen des Muskels durch frisches Wasser ersetzt. Auf diese Weise werden Abfallprodukte abtransportiert und die Faszien und angrenzende Organe mit Nährstoffen versorgt.

Dichte Faszien bestehen dagegen aus einem straffen Geflecht aus Fasern, die eine sprungfederartige Strukturfaszie_hand haben. Sie können sich dadurch bei Zug dehnen und wieder zusammenziehen. Bei einem gesunden Menschen sind die einzelnen Fasern regelmäßig angeordnet und haben eine hohe Spannkraft. Fehlt allerdings die Bewegung, wachsen unkontrolliert neue Fasern und es entstehen Querverbindungen. Dadurch gleiten die Faszien schlechter aneinander vorbei und behindern die Muskeln, die von ihnen umhüllt werden. Wenn das Gewebe verfilzt und verklebt ist, kann das zu Beschwerden führen. Andererseits werden Faszien, die regelmäßig durch Sport bewegt werden, dichter und kräftiger und weisen eine höhere Elastizität auf. So bleiben sie beweglich und können die Muskeln besser stabilisieren.

 

Welche Funktion haben Faszien?

Faszien haben unterschiedliche Funktionen. Sie polstern den Körper ab und tragen zur Versorgung der Organe bei. Weil sie mehr Sinneszellen als Muskeln enthalten, spielen sie auch eine wichtige Rolle bei der Körperwahrnehmung – zum Beispiel von Spannung, Druck, Lage und Gleichgewicht.

Faszien wirken außerdem als Stoßdämpfer, speziell beim Laufen. Durch ihre Elastizität können sie die Erschütterungen bei jedem Schritt abpuffern. So werden die Bewegungen geschmeidig. Sie grenzen die einzelnen Muskeln voneinander ab und verhindern, dass sie beim Zusammenziehen ihre Form verlieren. Der Beitrag zur Körperstabilität geht aber weit über die passive Ummantelung hinaus. Das Biotensegrity-Modell (zusammengesetzt aus „tension“ = Spannung und „integrity“ = Zusammenhalt) erklärt, dass gerade die Körperspannung von den Faszien abhängt.

Das Skelett allein kann nicht aufrecht stehen – die Knochen berühren sich nicht, sondern sind immer über Bindegewebe flexibel miteinander verbunden. Auch die Muskeln sind mit Hilfe von Sehnen an den Knochen befestigt. Die Faszien bilden so ein elastisches Netzwerk mit einer Grundspannung rund um den Körper – erst sie übersetzen die Muskelkraft in eine Bewegung. Durch die Verteilung der Kraft in ein Spannungsnetzwerk können äußere Belastungen in alle Richtungen gleichmäßig verteilt werden – ein bewegliches und zugleich stabiles System. Somit sind die Faszien die Grundlage für den aufrechten Gang.

 

Wo im Körper finden sich Faszien?

Faszien sind im ganzen Körper zu finden. Sie liegen unter der Haut und rund um die Organe und die Muskeln und sind alle miteinander verbunden. Da Muskeln, Sehnen Nerven und Faszien eine funktionale Einheit bilden, die Bewegung erst möglich macht, spricht man auch von einem neuromyofaszialen Netzwerk. Die Faszien sind zwar untereinander und mit den Muskeln verbunden, aber nur an wenigen Stellen mit den Knochen befestigt. Dadurch kann man einzelne Muskel-Faszien-Ketten unterscheiden, die sich durch den Körper ziehen.
Die sechs wichtigsten Faszienketten:

  • Die Schulter-Ellbogen-Kette verläuft von der Außenseite des Unterarms über den Ellenbogen und die Außenseite des Oberarms zum Deltamuskel an der Schulter und zum Trapezmuskel an Nacken und oberem Rücken.
  • Die Brust-Armbeuger-Kette zieht sich von der Innenseite des Unterarms, dem Ellenbogen und der Innenseite des Oberarms zum Brustmuskel und ist mit dem Brustbein verbunden.
  • Das abdominale Netz der Körpermitte ist ein Geflecht, das aus mehreren Schichten in unterschiedlichen Richtungen besteht, genau so, wie auch die Bauchmuskeln in mehreren Schichten aufgebaut sind. Die oberste Schicht verläuft vertikal entlang des geraden Bauchmuskels vom Schambein bis zum Brustbein. Darunter liegt die diagonale Schicht entlang des äußeren schrägen Bauchmuskels und es folgt die des inneren schrägen Bauchmuskels. Schließlich folgt der quere Bauchmuskel. Diese Schicht reicht bis zur tiefsten Schicht der großen Rückenfaszie und trägt so auch zur Stabilität der Lendenwirbelsäule bei.
  • Die diagonale Rückenmuskel-Gesäßmuskel-Kette verläuft diagonal vom großen Gesäßmuskel zum großen Rückenmuskel und vernetzt den Oberkörper mit dem Unterkörper. Sie wird von der großen Rückenfaszie bedeckt.
  • Die Oberschenkelfaszie hält die Muskeln an der Außenseite des Oberschenkels zusammen.
  • Die Fußgewölbe-Adduktoren-Beckenboden-Kette zieht sich vom Mittelfuß über die Innenseite der Oberschenkel bis zum Beckenboden.

Diese Ketten ziehen sich durch den Körper und sorgen für die Körperstabilität und übertragen Kraft. Da sie so weiträumig miteinander vernetzt sind, können Spannungen in einem Körperteil zu Schmerzen in einem völlig anderen Bereich führen.

 

Welche Beschwerden werden durch Faszien beeinflusst?

Gesunde Faszien sind eine wichtige Voraussetzung für eine gute Körperspannung und kraftvolle Bewegungen. Allerdings können die Faszien auf zwei Arten zu Beschwerden führen. Die erste Möglichkeit sind verklebte Faszien auf Grund von mangelnder Bewegung. Schon wenn ein Arm nach einem Bruch mehrere Wochen in Gips gelegen ist, erkennt man die veränderte Bindegewebsstruktur. Die Kollagen-Fasern wuchern unkontrolliert, die Faszie verhärtet sich. Wenn dies am ganzen Körper passiert, wird er steif und unbeweglich. Die Muskeln werden schlechter durchblutet, können sich in der harten Hülle schlechter bewegen. Folgen nun doch größere Bewegungen, können kleinste Verletzungen in den Faszien entstehen, die zu Entzündungen und Schmerzen führen.

Der zweite Grund sind Spannungen. Faszien können sich aktiv zusammenziehen, unabhängig von den Muskeln – und meist langsamer als diese. Speziell Stresshormone können die Kontraktion des Bindegewebes anregen. Auch eine Übersäuerung des Gewebes, die entsteht, wenn die Flüssigkeit zu lange nicht ausgetauscht wird, kann zum Zusammenziehen führen. So entstehen Zugspannungen, die Belastung für Wirbelsäule und Gelenke steigt. Dadurch sind es oft nicht ursächlich Schäden an Gelenken oder verspannte Muskeln, die zu Schmerzen führen, sondern ein gestörtes Zusammenspiel von Faszien, Knochen und Muskulatur im Sinne der Körperstatik.

Typische Beschwerdebilder im Fasziensystem sind unter anderem

  • akute und chronische Rückenschmerzen durch muskuläre Verspannungen
  • dem chronischen Lendenwirbel-Syndrom

  • Bandscheibenvorfällen im Hals- und Lendenwirbelsäulen-Bereich

  • steifem Nacken und Schiefhals (Torticollis)

  • Spannungs- und Nackenkopfschmerzen

  • Kiefergelenksbeschwerden (CMD)

  • Tennisellbogen (Epicondylitis)

  • Ausstrahlung und Krämpfe in Armen und Beinen
  • dem Syndrom der steifen Schulter (frozen shoulder)
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